Das Buch „Road to Oxiana“ von Robert Byron gilt als Bibel der Reiseliteratur. Der Reisebericht von 1937 über Persien (Iran) und Afghanistan ist heute noch empfehlenswert, weil er Gegenden beschreibt, von denen fast nichts im Lonley Planet steht. Byrons sprachgewaltiges Kunstinteresse erleichterte mir vor einigen Jahren nicht die Lektüre (es war die englische Ausgabe), aber seine Beobachtungsgabe, Urteilskraft und der Schreibstil sind außergewöhnlich. Er war angehender Bestsellerautor, doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Auf dem Weg nach Asien als Kriegsberichterstatter wurde sein Schiff im Februar 1941 torpediert. Byron ertrank und wurde nur 36 Jahre alt. Alles an diesem Schiffsuntergang ist eine Katastrophe.

Byron soll ein Nachfahre des berühmten Lord Byron gewesen sein. Sein Freund und Reisegefährte Christopher Sykes beschreibt ihn als selbstbewusst, aber bescheiden. Byron war schwul und lebte das aus, so wie es ihm eben möglich war. Als Reisebesessener schrieb er Reisebücher, Zeitungsartikel und anderes mehr.
Für die britische Regierung besuchte er 1938 in Nürnberg den letzten NS-Reichsparteitag. Seine Tagebucheinträge dazu gibt es hier für zwei Euro zu kaufen und ich kann nur dringend raten das Geld zu berappen: Diese 24 hervorragend editierten und übersetzten Seiten sind spektakulär. Byrons Beobachtungsgabe ist meisterhaft. Er macht sich überhaupt keine Illusionen und würdigt das Spektakel der Reichtsparteitage als einen großen, ziemlich gut inszenierten Alptraum. Byron – er konnte übrigens passabel deutsch – schreibt:
Die ganze Zeit wartete ich darauf, berührt zu sein, aber es geschah nicht. Aus künstlerischer Sicht ist die Kombination aus endlosen scharlachroten Flächen mit schwarzweißen Kreisen und durchfallfarbenen Uniformen häßlich. Und man fühlt den Tod – die Abwesenheit des Lebensfunkens. […] Wenn man sich Göring, Ribbentrop, Goebbels (der ein Zwerg ist) oder Streicher anschaut, ist es, als ob man Automaten betrachte, denen alle Attribute des Menschlichen verlorengegangen sind. Beim Führer hat man diesen Eindruck übrigens nicht, bei Himmler auch nicht. (Quelle. Autor Robert Byron, Übersetzung und Edition Niklas Hoffmann-Walbeck)
Seine Beschreibungen aus nächster Nähe erinnert unschön an heutige Politiker. Byron war klar, dass kein Kompromiss, keine ‚Appeasement‘-Politik Hitler zurückhalten würde.
Ich hatte erwartet, auf etwas kraftvoll Böses zu treffen, das um jeden Preis vernichtet werden muß – und vielleicht ist es auch so. Aber das ist nachrangig zur Leere und Negativität von alledem. Es ist weniger geistiges Gift als ein geistiger und spiritueller Tod … (Quelle. Autor Robert Byron, Übersetzung und Edition Niklas Hoffmann-Walbeck)
Krieg lag für Byron in der Luft, er sollte recht behalten und mit seinem Leben bezahlen.
1941 fuhr sein Schiff, die Jonathan Holt, in einem Geleitzug, um besser vor deutschen U-Booten geschützt zu sein. Doch der Konvoi wurde von den Nazis entdeckt – andere Schiffsverbände im gleichen Zeitraum blieben unbemerkt. Ein U-Boot, U 97, griff an und versenkte drei Schiffe. Während auf den beiden anderen torpedierten Fahrzeugen wenig oder gar keine Menschen starben, kamen bei der Versenkung der Jonathan Holt 51 Menschen um, nur ganze 6 wurden gerettet.

Irgendein anderer Konvoi, irgendein anderes Schiff, und Byrons Überlebenswahrscheinlichkeit wäre drastisch größer gewesen.
Mit ihm ging übrigens auch das französische Archäologen-Ehepaar Hackin unter, das wie Byron in Afghanistan geforscht hatte. Sie sind bekannt für den Fund des Schatzes von Begram in Afganistan, mit römischen(!) Kunstobjekten.
Christopher Sykes schreibt über Byron, er hätte wohl einer der renommiertesten Köpfe seiner Zeit werden können. Wer die Tagebucheinträge über Nürnberg oder Road to Oxiana liest, kann nur zustimmen. Byrons Tod in der Nacht zum 24. Februar 1941 im kalten Atlantik, ist nichts weniger als eine Schande.
Mein Seefahrt-Roman „Die goldene Wüste“ erscheint 2026.

